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Die Würde kehrt ins Leben zurück

„Das ist eine deutliche Verbesserung!“ Lothar Hirsch ist einer der Bewohner in der Rudolf-Schuy-Straße. Dort bietet die Stadt Limburg seit Beginn des Jahres eine Bleibe für Menschen an, die ohne Dach über dem Kopf leben. Lothar Hirsch ist einer von ihnen. Er bekommt Rente, die reicht nicht für eine normale Miete. Lothar Hirsch hat schon bessere Zeiten gesehen. „Ich war mal ganz woanders, hier wollte ich nicht hin“, sagt er. Geschäftsführer sei er gewesen, erzählt er. Und dann führte ihn das Leben in die Brückengasse. Das waren schlimme Zeiten.

 

Lothar Hirsch sitzt auf seinem Bett, im Hintergrund hängen seine Kleidungsstücke. Für ihn und Wolfgang Bank stellt die Einrichtung in der Rudolf-Schuy-Straße eine deutliche Lebensverbesserung dar, das Ziel bleibt jedoch eine eigene Wohnung. Fotohinweis: Stadt Limburg. Das Foto darf nur in Zusammenhang mit dem oben stehenden Text verwendet werden.

„Wir haben uns ganz bewusst für neue Wege entschieden. Es geht darum, in Würde zu Leben. Da galt es etwas zu verbessern“, macht Limburgs Erster Stadtrat Michael Stanke in der Runde am Tisch des Aufenthaltsraums deutlich. Dort gilt es ein erstes Fazit mit Bewohnern zu ziehen. Zu Verbesserung gehört nicht nur die Einrichtung mit sechs Einzel- und sieben Doppelzimmern sowie einer Notschlafstelle, zu dem Konzept gehört auch Jessica Magnus, die als Sozialarbeiterin im Ordnungsamt für eine Verbesserung der Lebenssituation der Wohnsitzlosen einsetzt und dabei eng mit dem Walter-Adlhoch-Haus, der Einrichtung der Caritas in der Wohnsitzlosenhilfe, zusammenarbeitet.

In der neuen Einrichtung stehen Jessica Magnus und Michael Friedrich vom Adlhoch-Haus regelmäßig als Ansprechpartner zur Verfügung. „Das ist auch wichtig und alles andere als selbstverständlich“, sagt Fredi Kalwa als Bewohner. Das Leben ohne Dach über dem Kopf ist anstrengend, da gehen viele Automatismen des alltäglichen Lebens verloren. Diese müssen wieder eingeübt werden, da gibt es viel Unsicherheit, viele Fragen und von selbst stellen sich die Antworten darauf selten ein. Und Fragen, auf die es keine Antworten gibt, sind immer Rückschritte.

Eine Verbesserung?

Von Verbesserung will ein weiterer Bewohner, der namentlich nicht genannt werden will, nichts wissen. Für ihn ist die Einrichtung eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Vorher. Er hat gerade seine Wohnung in der Stadt verloren, Zwangsräumung. Die Rudolf-Schuy-Straße ist seine erste Adresse der Wohnsitzlosigkeit. Zu zweit in einem Zimmer, Toilette und Dusche müssen mit dem Mitbewohner geteilt werden. Keine Zeit zum „Beschnuppern“.

„Hier ist es schon in Ordnung“, sagt ein Mann mit deutlich hörbarem osteuropäischen Akzent, der in der Einrichtung ebenfalls eine Bleibe gefunden hat. Er hat schon viele Einrichtungen für „Tippelbrüder, Penner“ und andere am Rande der Gesellschaft von innen gesehen. Alsfeld, Koblenz, Hanau und viele andere „Herbergen“ hat er hinter sich. „Hier zu sein, das ist fast wie ein Lottogewinn“, sagt er und lacht. Es gibt nicht nur so etwas wie Privatsphäre in der Rudolf-Schuy-Straße, sondern auch noch andere Regeln. Rauchverbot im Haus zum Beispiel.

Nur ein Etappenziel

Auch Wolfgang Bank hat Erfahrungen mit Unterkünften und bewertet die Bleibe positiv. „Recht ruhig, wenig Stress“, lautet sein bisheriges Fazit. Dazu trägt auch bei, dass der Bahnhofsplatz recht weit weg ist. Natürlich wird es auch mal unruhig. Die Begleiterscheinungen des Lebens auf der Straße mit Alkohol und illegalen Drogen lassen sich nicht einfach abschalten, aber es lässt sich meist beruhigen – notfalls mit Hilfe der Polizei, sofern sie zügig kommt.

Und auch die Begleitung des Hauses legt Wert darauf, dass Regeln eingehalten werden. Das ist wichtig, damit ein geregelter Tagesablauf möglich wird. Nach einer ruhigen Nacht lässt sich der folgende Tag deutlich konstruktiver angehen, macht Bank deutlich. Behördengänge lassen sich erledigen und persönliche Angelegenheiten regeln.

„Es gibt hier keinen, der nicht hier raus will“, wird am Tisch deutlich gesagt. Keine Frage, die Einrichtung ist gegenüber der Unterbringung in der Brückengasse oder der Koblenzer Straße in Staffel eine deutliche Verbesserung. Sie kann aber nur ein Etappenziel sein auf dem Weg zu einer eigenen Wohnung. Die ist allerdings an viele Voraussetzungen gebunden und der Weg dorthin bzw. zurück ist voller Hürden.

Ein Teufelskreis

Das weiß auch Harry Fenzl als Leiter des Walter-Adlhoch-Hauses. „Alle Bemühungen um eine eigene Wohnung sind gelaufen, wenn klar wird, der Interessent hat keine Arbeit. Und viele Bewerbungsverfahren für Arbeitsplätze sind beendet, wenn Bewerber keinen Wohnsitz vorweisen können.“ Ein Teufelskreis. Wer von Hartz IV oder Grundsicherung lebt und kein Dach über dem Kopf hat, der ist klar benachteiligt – in allen Lebenslagen. Fenzl sieht die Politik in der Verantwortung, Wohnraum zu schaffen, der auch für schmale Geldbeutel bezahlbar ist.

Michael Friedrich sieht mit der Schaffung der neuen Einrichtung und der Sozialarbeiterin in der Stadtverwaltung deutliche Signale für einen Wandel in der Politik und in der Akzeptanz: „Vor 15 Jahren sind noch Bänke auf dem Bahnhofsplatz entfernt worden, heute geht es um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Betroffenen, das ist ein guter Prozess.“ Ein Prozess, der allerdings noch nicht zu Ende ist und der weiter beschritten werden muss.

„Wir sind hier in einer Obdachlosenunterkunft, wir fühlen uns hier nicht wohl, selbst wenn Stuck an der Decke wäre“, skizziert Lothar Hirsch die allgemeine Lage. Aber für ihn, der zwei Jahre ohne Tür lebte, ist das Zimmer in der Rudolf-Schuy-Straße schon mal ein klarer Fortschritt und eine wichtige Etappe zu einer eigenen Wohnung. Diese könnte für Lothar Hirsch durchaus Wirklichkeit werden. Er würde dann wieder nach Aachen ziehen, in seine Heimat. Finanziert werden könnte die Wohnung mit einer neuen Arbeit, sagt der 70-Jährige.

Armut und Obdachlosigkeit

Am Donnerstag, 5. Oktober, startet in der Einrichtung in der Rudolf-Schuy-Straße 8 das Diskussionsforum „Armut und Obdachlosigkeit“. Jessica Magnus und Michael Friedrich laden dazu alle interessierten Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Lebenswelt und die Sichtweise von Betroffenen interessieren oder auch selbst von Wohnsitzlosigkeit betroffen sind, zum Austausch und zur Diskussion von sozialpolitischen Themen ein. Das Diskussionsforum beginnt um 10 Uhr in der Rudolf-Schuy-Straße 8 bei Kaffee, Kuchen und Getränken und soll anschließend alle vier Wochen stattfinden. Rund 90 Minuten sind für die Zusammenkunft vorgesehen.

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